90 Jahre Autohaus Langer

Gründerjahre

Die Langer Gruppe ist auch nach neun Jahrzehnten ein Familienbetrieb.

Fleiß, Können und harte Arbeit festigte das Begonnene und schafft Raum für eine bemerkenswerte Entwicklung, die heute eine Firmengruppe mit namhaften Autohäusern in Wertingen und Mertingen umfasst. Eine große Zahl treuer Stammkunden, oft Generationen überschreitend, sind der Garant dafür, der unsere Qualitätsarbeit bestätigt.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei ihnen, liebe Kunden, für dasfür das entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Feiern Sie mit uns! Denn es ist vor allem auch ihr Jubiläum, getreu unserem Motto seit 1926: "Lassen Sie uns Freunde werden".


Gründerjahre

Kunden und Mitarbeiter von Autohaus Langer bei einem gemeinsamen Ausflug 1931 in Troppau Werkstatt in Troppau, 30er Jahre
Kunden und Mitarbeiter von Autohaus Langer bei einem gemeinsamen Ausflug 1931 in Troppau Werkstatt in Troppau, 30er Jahre

1926 eröffnete der 21 jährige Rudolf Langer, nach fundierter Ausbildung zum Maschinenbauer und Kraftfahrzeugmechaniker, einen Kraftfahrzeugbetrieb in Troppau. Zu Beginn war das Motorrad der Schwerpunkt des Betriebes, aber bereits 1929 wurde mit dem legendären BMW Dixi das Angebot erweitert, 1931 mit Jawa Motorräder und PKW, 1934 mit Ford/Amerika ergänzt und 1938 mit BMW Eisennach/München und Ford Köln vervollständigt.

Der Fachbetrieb ist bald über die Region bekannt ,
31 Mitarbeiter sind dort beschäftigt und mehrere Erweiterung der Baulichkeiten von1931 bis 1935 nötig. Insgesamt viermal erfolgten Neubauten in Troppau.

Rudolf Langer nutzt zu der Zeit auch noch seine spärlich verbliebene Freizeit. Er legt den kaufmännischen Befähigungsnachweis vor der Industrie – und Handelskammer, sowie die Meisterprüfung und Fahrlehrerprüfung erfolgreich ab.

 

Schicksalsjahre

Schicksalsjahre

Ausflug mit Motorradkunden von Autohaus Langer 1941 in Troppau
Ausflug mit Motorradkunden von Autohaus Langer 1941 in Troppau

Im zeitlichen Vorfeld der Ereignisse, welche für das expandierende Unternehmen den absoluten Stopp bedeuten sollte, war es nicht immer einfach, den Erfordernissen gerecht zu werden: Importbeschränkungen, schwierige Ersatzteilbeschaffung, notwendige Selbstanfertigungen, das Diktat für die Wehrmacht arbeiten zu müssen. Der Schatten der politische Entscheidungen kennzeichneten die Situation.

Die Einberufung zum Militär als Schirrmeister, die spätere Enteignung und schließlich die Vertreibung aus der angestammten Heimat setzten ein nicht verdientes Ende für den Betrieb Rudolf Langer in Troppau und machten eine vierzehnjährige erfolgreiche Aufbauarbeit mit einem Schlag zunichte.

 

Wiederaufbau

Wiederaufbau

Es war jedoch kennzeichnend für Rudolf Langer, dass er unmittelbar nach Kriegsende mit ungebrochener Willenskraft damit beginnt, erneut einen Betrieb aufzubauen, wenn auch unter ungleich schwierigeren Vorzeichen als 20 Jahre zuvor. In einem kleinen Behelfsschuppen und mit viel handwerklichem Können begann er mit „aus Alt mach Neu“, die einzige Möglichkeit und ein bescheidener Neuanfang.

Bezugsscheine – ein heute längst vergessener Begriff – werden zum Schlüssel für das Gründerpotential. Sind es zunächst nur Fahrradreifen, bald danach komplette Fahrräder und später auch Motorräder die weitere Meilensteine im mühsamen Wiederaufbau setzten.Bald erweist sich auch die Behelfswerkstatt als zu klein und Rudolf Langer denkt auch an einen Neubau. Ein Bauplatz aber war damals eigentlich nicht zu bekommen. Eine sofort genutzte Möglichkeit dazu ergab sich auf einer Schuttgrube in Gottmannshofen und so entstand unter schwierigsten Bedingungen ein Haus aus Bruchsteinen und Lehm und die Voraussetzung für ein erfolgreiches Weiterarbeiten.

 

Rudolf Langer sen. (links) erhält vom bayerischen Wirtschaftsminister Jaumann (rechts) den goldenen Handwerksbrief
Rudolf Langer sen. (links) erhält vom bayerischen Wirtschaftsminister Jaumann
(rechts) den goldenen Handwerksbrief

Die Verbindung zu Ford und BMW konnten nach Erfüllung gesetzter Auflagen reaktiviert werden und bildeten fortan die maßgeblichen Partnerschaften. Bevor es dazu kam, waren die Fabrikate wie Triumph, Adler und Hercules, ebenso Lohmann und Mars im Bereich Motorrad und Moped, sowie LLOYD und Glas im PKW Bereich im Angebot des Autohaus Langer. Die Entwicklung des Betriebes wurde kontinuierlich nach den strengen Maßgaben des Unternehmers Rudolf Langer geprägt, ein gesundes Wachstum war die Folge.

Bereits 1958 wurde es möglich, einen Neubau mit Tankstelle bei Gottmannshofen zu errichten. Schon 1964 wurde dieser durch einen großen Hallenneubau vergrößert und es entstand eine Werkstatt nach den neuesten Erkenntnissen und mit den modernsten Geräten. Aufgrund der Expansion treten die beiden Söhne von Rudolf Langer nach absolvierter Fachausbildung in den Betrieb ein und verstärken die Geschäftsleitung.

Expansion

Die Langer Gruppe

Horst Langer, Sohn von Rudolf Langer sen.
Horst Langer, Sohn des Firmengründers Rudolf Langer sen.

Unternehmerischer Weitblick führte zum Entschluss in Kaufbeuren einen Ford-Haupthändlerbetrieb zu erwerben. Dieser wird seitdem von Rudolf Langer jun. erfolgreich geleitet, ausgebaut und vergrößert.

Der Neubau eines Autohauses in Gersthofen mit Ford-Haupthändlerstatus war ein weiterer entscheidender Schritt in der Geschichte des Autohaus Langer. An der Eröffnung im Jahr 1978 nahm auch Wirtschaftsminister Jaumann teil. Der Betrieb Wertingen wird durch eine Autolackiererei mit Farbmischanlage und Trockenkabinen, einem PKW Waschautomat und einer eigenen Karosseriewerkstatt ausgestattet und bietet so den Komplett-Service für den anspruchsvollen Automobilkunden.


Gebrauchtwagenplatz am BMW und FORD Standort Wertingen, 70er Jahre Stammbetrieb FORD Wertingen-Gottmannshofen, 1972 Stammbetrieb Wertingen-Gottmannshofen, 1972

 

Die Fabrikate Ford und BMW in einem Haus kundengerecht betreut, erfahren durch den Neubau in unmittelbarer Nähe im Jahr 1988 eine Trennung und die gewünschte Spezialisierung und gleichzeitig eine funktional ausgeprägte Tankstelle mit Shop. Die Leitung des neuen BMW Betriebes übernimmt Enkel Ulrich Langer.


Familienchronik - Goldene Hochzeit von Hermine und Rudolf Langer Anneliese und Horst Langer Horst Langer mit Sohn Ulrich

 

Mit dem grundlegendem Umbau des bestehenden Betriebes und der Aufnahme des Fabrikates Fiat wird ein modernes Automobilzentrum für Neu- und Gebrauchtwagen geschaffen, das zu den leistungsstärksten im weiten Umkreis zählt.

Weitere Informationen zu Entwicklung der Langer Autohäuser.

 

Rudolf Langer

Rudolf Langer, Firmengründer

Auszüge aus einer Lebensgeschichte - aus den Aufzeichnungen unseres Firmengründers:

 

Rudolf Langer sen.
Rudolf Langer sen.

"Ich wurde am 09. März 1905 in Zwittau (Nordmähren) in der damaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie – Deutsche Sprachinsel Schönhengstgau – geboren und entstamme einer Weber- und Kaufmannsfamilie. Dem Besuch der Volks- und Bürgerschule sollte sich ein Studium an der Maschinenbau-Staatsgewerbeschule Brünn anschließen.

Doch nach bestandener Aufnahmeprüfung erhielten wir die Nachricht, dass die älteren Bewerber, den jungen Bewerbern – diese sollten erst nach einem Jahr später mit dem Studium beginnen – verzogen wurden. Es war gerade die Zeit, in welcher die Tschechoslowakei entstand und uns Deutschen ging es damals nicht besonders gut. Meine Mutter (meinen Vater hatten wir im letzten Monat des 1. Weltkrieges verloren) hatte mir deshalb empfohlen ein Handwerk zu erlernen. So begann ich 1919 eine Lehre bei der Maschinenbau-Anstalt Fr. A. Schindler –Holzbearbeitungsmaschinen - in Zwittau. Das Lehrgeld betrug jährlich 100ckr. 1922 habe ich die Gesellenprüfung mit gutem Erfolg abgelegt.

 

Rudolf Langer jun. vor dem
Firmengebäude in Troppau,
Sudetenland, 1939

Mein Wunsch im Monteur- bzw. Autofach zu arbeiten erfüllte sich als ich bei der Fa. Tessarek in Prag, dem Generalvertreter für Harley Davidson für die gesamte Tschechoslowakei, als Monteur eintreten konnte. Weitgehenst im Selbststudium habe ich mir dabei die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten sowohl für das Motorrad als auch das Auto angeeignet. Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre zum Troppauer Händler zu wechseln und nach dem ich dies bejahte kam ich 1924 nach Troppau. Ich war dort bald als vorzüglicher Fachmann anerkannt und bevorzugter Ansprechpartner für Motorsportler, zumal ich auch selbst Motorsport betrieb.

Bereits 1926 - also mit 21 Jahren – gründete ich in Troppau mit bescheidenem Startkapital und zwei Lehrlingen meine erste eigene Firma und bemühte mich noch im gleichen Jahr erfolgreich um die Vertretung der Bayrischen Motoren Werke, München. Diese produzierten damals nur Motorräder, erst 1929 kaufte BMW das Dixie -Werk in Eisennach und ab diesem Zeitpunkt wurden auch wir beim Verkauf von Automobilen eingeschaltet. Die Verzollung der Wagen erfolgte in Oderberg.

Das Geschäft expandierte zusehenst und so reifte in mir der Gedanke in einem Neubau Geschäft und Wohnhaus sowie die Werkstatt zu integrieren und die Platznot zu beheben. Es gelang mir in Troppau – Jaktar ein Grundstück zu erwerben und 1931 den Neubau zu erstellen.

Nach einer Durststrecke im Jahr 1932 begann sich 1933 die Wirtschaft wieder zu stabilisieren, aber die Importbeschränkungen von Prag machten uns schwer zu schaffen. Nicht zu erhaltende Ersatzteile müssen nachgebaut werden. Echte Handwerkskunst ist gefragt und wir verwirklichen sie.

 

Mitarbeiter vor dem Firmengebäude in Troppau
Mitarbeiter vor dem Firmengebäude in Troppau

Der kaufmännische Befähigungsnachweis (1932) vor der Industrie- und Handelskammer Troppau, die Meisterprüfung im Kraftfahrzeugmechanikerwerk (1934) und die Fahrlehrerprüfung, sowie die späte Ernennung zum Obermeister der Kraftfahrzeuginnung sind Dokumente meiner steten Wissens- und Kenntniserweiterung. Es war außergewöhnlich, dass wir 1934 als Deutsche Firma die Jawa-Vertretung erhalten.

1935 erfolgte der Neubau einer weiteren Werkstätte an das bestehende Geschäft – der Verkauf von amerikanischen Ford Wagen – und obwohl die Umsätze steigen, wird die Wirtschaft von politischen Ereignissen überschattet.

Ende September - Anfang Oktober 1937 erfolgte der Einmarsch der Deutschen Truppen in das Sudetenland. Der große Zubau in Troppau welcher schon 1937 bzw. 1938 erfolgen sollte kam in dieser hektischen Zeit nicht zustande. Gleich nach dem Einmarsch der Truppen bemühte ich mich den Bau zu ermöglichen. Zu diesem genehmigten Plänen zu den deutschen Behörden. Es wurde mir bestätigt, dass diese Pläne anerkannt werden, sobald diese von der NSDAP (Partei) unterzeichnet sind. Ich besuchte anschließend die entsprechende Stelle um die fehlende Unterschrift einzuholen. Dort wurde mir gesagt, es sei nicht notwendig, einen Neubau zu erstellen, da 6 Betriebe in Troppau arretiert sind, und ich solle mir einen Betrieb aussuchen. Dieses Anbieten habe ich allerdings abgelehnt und kundgetan, dass lieber meinen Neubau errichtete.

Diese Ablehnung hat mir sehr geschadet. Ich fiel bei der Partei in Ungnade. Und trotz meiner, durch den Reichstand des Deutschen Handwerks in Berlin erfolgten Ernennung zum Obermeister der Innung des Kraftfahrzeughandwerks im Ostsudetenland wurde ich nach dem Neubau verhaftet - Ich war kein Parteimitglied !!! - . Von Berlin aus erfolgte meine Demission als Obermeister und ich musste mich dort im Schöneberger Rathaus melden. Es kam zu einer Aussprache und ich wurde über den Bezirksinnungsmeister Scholz, Breslau in eine Kaserne eingewiesen.

Im Juli 1939 wird der große Geschäftsneubau eröffnet. Wir verkaufen jetzt DKW Motorräder und die gesamten Erzeugnisse von Ford und BMW. Am 1. September ist Kriegsbeginn.

Um die ständigen – aus meinem Berufsstand bzw. Unternehmen verursachten Differenzen (Lehrlingsaufnahme, Mitarbeiter ohne Parteibuch, Gesellenprüfungen usw. usw.) mit der Partei zu beenden wurde im Einvernehmen mit dem Reichsinnungsmeister Stupp, Dr. Assov vom Reichsinnungsverband un den Herren des Deutschen Handwerks meine Einberufung als Schirrmeister zur Wehrmacht beschlossen. Das war 1940.

 

Die neue Tankstelle am Firmensitz in Troppau geht in Betrieb
Die neue Tankstelle am Firmensitz in Troppau geht in Betrieb

Und so begann für mich der zweite Weltkrieg. Zuerst der Frankreichfeldzug und danach der gesamte Russlandfeldzug, bis ich mich in Berlin eingeschlossen quasi wieder fand. Dort war es mir gelungen durch die Feuerlinie zu kommen und für mich begann ein endloser Fußmarsch von Berlin gegen Süden der Heimat zu. Ich bin nahezu 50 km täglich marschiert und habe über Dresden die tschechische Grenze erreicht. In dieser Zeit lag Deutschland völlig zerschlagen darnieder. Es gab keine Eisenbahn und kein Auto. Ab Aussig an der Elbe, schon im tschechischen Gebiet fuhr täglich ein Zug nach Prag. Aber die Deutschen wurden bei der Ankunft sofort ausfindig gemacht. Zum Teil auf dem Dach eines Eisenbahnwagens, später versteckt auf einer Wagenachse liegend bis Pardubitz, dann wieder in einem Viehwagen versteckt bis Böhmisch-Trübau, dem Tod durch ein Versteck entronnen und schließlich verstellt als Taubstummer erreichte ich Mähr-Weißkirchen. Dort wurde ich als Deutscher erkannt und zusammengeschlagen. Elf lange Tage war ich im dortigen Konzentrationslager. Es waren elf schreckliche Tage. Am zwölften Tag wurde ich mit zwei anderen jungen Männern dem tschechischen Militär in einer Kaserne übergeben. Hier wurde ich nicht mehr geschlagen. Nach einem Jahr Gefangenschaft wurde ich im Juni 1946 entlassen. Jetzt hatte ich freie Fahrt nach Troppau. Zusammengehungert kam ich dort an.

Meine Frau mit den beiden Kindern fand ich nicht mehr in meinem, sondern in einem fremden Haus in Troppau wieder. (Unser Besitz war enteignet). Meine Frau war krank und die Kinder in einer schlechten körperlichen Verfassung. Man campierte am Fußboden. Ich war aus der Gefangenschaft zum Zweck unserer Aussiedlung (Vertreibung) entlassen worden. Schon nach zehn Tagen erhielten wir die Nachricht, dass wir uns am 12.06.46 – nur mit Handgepäck ausgestattet – am Ostbahnhof, Olmützerstraße einzufinden haben. Meine Frau konnte wegen der offenen Beine nur sehr schlecht gehen. Auf die Krankheit wurde aber keine Rücksicht genommen. Insgesamt standen 42 Viehwaggons bereit in die wir verladen wurden. In jedem Viehwagen mussten 32 Personen Platz finden. In diesen gab es kein Stroh, eigentlich überhaupt nichts. An Verpflegung gab es nicht viel, nur Wassersuppe und Brot. In meinem Waggon waren auch kleine Kinder, es war schrecklich. In jedem Viehwagen – unserer hatte die Nummer 36 – wurde ein Mann zum Waggonleiter bestimmt. In unserem fiel diese Aufgabe mir zu. Der Transport ging über Prerau – Böhmisch/Trübau – Prag in Richtung der Bayerischen Grenze. Diese wurde bei Furth i.W,. überschritten. Vielen der Flüchtlinge wurde hier noch ein Teil der letzten Habe genommen. Von den Tschechen hatte jeder Ausgewiesene 500 RM erhalten, aber für dieses Geld konnte man ja nichts kaufen.

An der Grenze gab es da erste Essen, eine Entlausung und Reinigung. Am nächsten Tag ging es weiter nach Augsburg. In Augsburg waren wir zwei Tage im Lager bereits am dritten Tag ging es weiter. Der Viehwagen Nr. 36 hatte als Endziel Meitingen. Dort angekommen, erfuhren wir, dass die Menschen aus eben diesem Waggon auf zwei LKW ’s verladen und nach Binswangen gebracht werden. Soweit ich mich erinnere, war dort in Meitingen ein älterer Herr, namens Flirle (Amtsgerichtsrat). Dieser Herr hat alles erdenkliche getan, um unsere Fragen zu beantworten. Im LKW verladen ging es ab nach Binswangen. Jeder fragte sich, wo werden wir wohl hinkommen. Wir fuhren durch Wertingen Richtung Dillingen und plötzlich blieb der LKW stehen. Wir befanden uns vor der Adler-Wirtschaft. Die Wirtin war um uns sehr besorgt. Jetzt ließ auch die Angst bei den Frauen und Kindern nach. Wie ich schon sagte waren wir 32 Personen. Alle hatten wir Hunger. Einige Männer gingen Kartoffeln betteln und organisieren, andere begannen von den von der Wirtin geliehenen Kessel fertig zu machen und anzuheizen. Buttermilch gab es aus der kleinen hiesigen Molkerei und so konnten wir schon nach ½ Stunden essen. Es wurden sehr viele Kartoffeln gegessen und so mancher konnte sich erstmals seit langem richtig satt essen. Da war es wohl zweitrangig, dass wir in unserer gemeinsamen Schlafstätte, dem sauber gehaltenen Adler-Saal kein Stroh hatten.

Für die Kleinstkinder haben wir dann aus dem Handgepäck etwas zusammengemacht und so kamen wir über die erste Nacht. Am folgenden Tag war Sonntag. Am folgenden Montag bekamen wir Lebensmittelmarken. Bürgermeister Wiedemann hat mich mit Herrn Spitko, einem Vertriebenen aus Bischof-Teinitz, der schon einige Woche in Binswangen weilte, zusammengebracht. Mit Herrn Spitko ging ich Unterkünfte suchen. Wie sich bald herausstellte gaben die Bauern den Vertriebenen zu essen, die allergrößte Not war überstanden. Nun gingen die Männer arbeit suchen, was leider aber nur Einzelnen gelang. Ich fand für meine Familie Unterkunft im Bauernhof der Frau Bunk (Hs. Nr. 119 – Hausname Hähnle.) Frau Bunk hatte drei Töchter und einen Sohn. Emma, Maria und Anni. Der Sohn Loisl (Alois) kam erst als wir schon eine Weile bei den Bunk’ s wohnten aus der Gefangenschaft. Frau Bunk hat alles in ihrer Kraft stehende getan um uns zu helfen. Ich habe versucht, das eine oder andere Fahrrad zu reparieren oder bei der Weizenernte zu helfen, gleichwohl ich noch schwach und von der Gefangenschaft ausgehungert war. Aber es ging. Meinen Betrieb in Troppau hatte ich durch die Vertreibung verloren. Nun suchte ich hier Arbeit. Zu dieser Zeit ging nur der Tauschhandel, für Geld gab es nichts. Zuerst wurde ich mir über mein Schicksal gar nicht klar. Eines Tages, ich hatte wieder keine Arbeit gefunden, ging ich in den Wald und setzte mich auf einen Baumstamm. Dort dachte ich über das ganze Elend nach und machte Inventur. Dabei stellte ich fest, dass ich doch noch einigermaßen gesund bin und über handwerkliche Kenntnisse verfüge.

Also lag doch nichts näher, als wieder als Handwerker zu beginnen, wozu mich auch meine Frau ermunterte. Dazu kam der rettende Gedanke: „die Bauern haben doch nur kaputte Fahrräder und wären sicher froh, wenn diese wieder brauchbar sind.“ In Binswangen anzufangen war undenkbar. Also nach Wertingen. Ich ging zum Landratsamt. Dort war ein Herr namens Schmiedel. Er schickte mich nach Altenmünster. Da war aber nichts zu machen. Es blieb also nur Wertingen, denn Wertingen ist auch ein kleines Zentrum. Nach langem Suchen fand ich bei der Bahnhofswirtschaft eine kleine Garage. Bei dieser war durch die Sprengung der „Zusam“ Brücke das Dach und die Tür zerstört. Die Wirtin der Bahnhofswirtschaft hat mir diesen Raum für 7 RM monatlich vermietet. Ich musste mir aber das Dach und die Tür selbst richten, dazu aber weder Werkzeug noch Material. Frau Drießle (die Wirtin) nannte als möglichen Helfer, Zimmermeister Thoma Mayerle. Er kam auch erst aus der Gefangenschaft und versprach zu helfen. Wir reparierten gemeinsam und nun habe ich einen Raum zum arbeiten. Leider aber auch dafür kein Werkzeug und Material. Nach langem Zögern bekam ich von der Stadt Wertingen die Genehmigung dort zu arbeiten, allerdings mit der Auflage, keine Wohnung in Wertingen zu suchen. Dies tat ich. Ich blieb in Binswangen wohnen und lief alle Tage morgens um 6 Uhr nach Wertingen. Es hatte sich bald herumgesprochen, dass bei der Bahnhofswirtschaft ein Mechaniker anfangen will. Er hat aber nicht mal Handwerkszeug. Der eine kam und schenkte mir eine Zange, die Stadtverwaltung zwei Kästen und ein anderer ein Stück Blech, usw. Leider hatte ich kein Schloss um Abend abzusperren. War ich doch stolz auf diesen kleinen Raum. Mit altem Draht, den ich bei der gesprengten Brücke fand, konnte ich schließlich die Tür verdrahten. Herr Denzel von der Mühle in Wertingen verkaufte mir ohne Holzbezugsschein ein paar Bretter für meine zukünftige Werkbank. Der alte Herr Schönauer, den ich auf der Bahnfahrt von Augsburg nach Wertingen kennen lernte, sagte mir ich möge am nächsten Tag zu ihm kommen. Er konnte mir auch ein bisschen helfen und lieh mir einen Schraubstock, ein Stück Eisenbahnschiene und einen Eisentisch. Dieser wurde die Grundlage für meine Werkbank. Ich hatte auch schon ein Stück Blech von einem Flugzeug gefunden.

Mit einer geliehenen Blechschere habe ich Streifen geschnitten und daraus Maulkörbe für die Ochsen von Hand gemacht. Für zwei Maulkörbe gab es ½ Pfund Butter. Mit dieser Butter fuhr ich nach Augsburg und bekam etwas Handwerkszeug. Dies war praktisch der Anfang. Das erste eigene Werkzeug. Es kamen auch Leute mit Fahrrädern zur Reparatur. Ich habe diesen mit selbst gemachter Gummilösung die Fahrradschläuche geklebt. Einige dieser Kunden hatten auch Mitleid und brachten vereinzelt ein bisschen Handwerkszeug. So nahm mein Werkzeug stetig zu. Eines Tages kam ein Mann und fragte mich, was ich in der Bude da mache. Ich sagte es ihm und am nächsten Tag brachte er, es war Herr Müller vom Lagerhaus, eine ganze Tasche Werkzeug, das er mir einfach schenkte. So und ähnlich lief es. Aber ich sah, wie es mehr wurde und ich die Fahrräder besser reparieren konnte.

Ich war damals 42 Jahre alt. Mit 21 Jahren hatte ich begonnen einen Betrieb aufzubauen, mit 40 hatte ich alles verloren, mit 42 konnte wieder bei Null begonnen werden.
Jeden Tag lief ich von Binswangen nach Wertingen. Dann benützte ich ein Fahrrad, aber ohne Reifen, ich fuhr auf den Felgen. Erwähnen muss ich noch, dass bei der Verteilung meine Schuhe verwechselt wurden und mir diese etwas zu klein waren. In der Badgasse von Wertingen gab es eine Tauschzentrale. Ich war sehr oft da um meine Schuhe in ein größeres Paar zu tauschen. Es dauerte aber fast einen Monat bis ich Glück hatte. Bei der Fahrt zur Arbeit kam ich auch durch die gepflasterte Schmidgasse. Den damaligen Bürgermeister Herrn Carry hat dies von mir dabei verursachte Geräusch sicher im Schlaf gestört, denn eines Tages kam der Gemeindediener Herr Drießle und brachte mir unaufgefordert Bezugscheine für Fahrradreifen. Ich war erstaunt. Ich besorgte mir sofort in Augsburg Reifen und Schläuche. Dies war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben. Leider hat sich das Leiden meiner Frau verschlechtert und sie kam ins Krankenhaus. Der ältere Junge fiel von einem Baum und brach sich den Arm. Aber die Familie Bunk hat uns immer wieder geholfen und so kamen wir über die schlechte Zeit hinweg. Meine Familie wohnte in einem Zimmer, als wir von Frau Bunk ein zweites hinzu bekamen, wurde es auch hier besser. Mein Bruder, der den Krieg auch überlebte und derzeit in Lühnde bei Hannover wohnte, besorgte mir einen kleinen Bunkerofen aus Wehrmachtsbeständen. Diesen habe ich umgeändert und so konnte ich mit Sägmehl heizen. Die Sägespäne bekam ich für zwanzig Pfennig den Sack bei Herrn Denzel, per Rad transportierte ich diesen dann nach Binswangen. Sehr oft haben meine beiden Kinder Essen bei der Familie Bunk bekommen. Wir sind dieser Familie zu Dank verpflichtet.


Dies hat sich bald herumgesprochen, fand Zuspruch und ich wurde bekannt. Ich entsinne mich auf den Winter 1946/47, es war ein äußerst kalter. Tag für Tag habe ich das Rad von Binswangen nach Wertingen geschoben, weil es im tiefen Schnee nicht zu fahren war. Einen Ofen für die Werkstatt hatte ich mir selbst zusammengebastelt, ein Blech dafür hatte ich im Feld gefunden. Nun wollte ich weiteres Werkzeug kaufen. Man bekam nur mit Lebensmittel im Tausch das Gewünschte. So kam ich auf den Gedanken die alten Fahrräder, welche sich bei den Bauern auf Speichern befanden für durchgeführte Reparaturen zu tauschen. Das ist mir oft gelungen. Nun konnte ich diese instand gesetzten Fahrräder wieder den Bauern gegen Lebensmittel zurückgeben, für diese wiederum Werkzeuge einkaufen. Landwirte bekamen in der Regel auch Bezugsscheine für Fahrradreifen und so kamen diese zu intakten Fahrrädern, welche sie doch so dringend brauchten.

Anfänge - Werkstätte für Fahr- und Motorräder in Wertingen, 50er Jahre
Anfänge - Werkstätte für
Fahr- und Motorräder in
Wertingen, 50er Jahre

Inzwischen ist aus der alten Garage eine kleine, improvisierte Werkstatt geworden mit etwas Werkzeug und sogar einem Schraubstock. Innerlich war ich recht zufrieden, da ich schon wieder Fahrräder reparieren konnte. Ein von mir repariertes Fahrrad funktionierte gut.

Für den Mechaniker Langer lief eine Mund zu Mund – Werbung und ich hatte bald alle Hände voll zu tun. Im Landkreis waren etwa zehntausend Flüchtlinge, einige davon hatten schon erfolgreich versucht wieder auf die Beine zu kommen. Sie organisierten eine kleine Ausstellung. Diese sollte in der Bahnhofswirtschaft neben meiner Werkstätte unter dem Titel „Vertriebene stellen aus“ stattfinden. Aber ich hatte doch kein Geld um Platzmiete zu zahlen. Da sagte man mir, dass es eine Wand gibt, welche ich kostenlos haben könnte. Ich fertigte daraus einen interessanten Stand, für die Ausstellung. Als Überschrift stand: „Aus alt mach neu“ darunter hing auf der linken Seite ein altes verrostetes Fahrrad und rechts daneben ein tip-top-sauber lackiertes Fahrrad. Tabakschneider und Elektrokocher habe ich zu dieser Zeit auch schon angefertigt. Von jedem wurde ein Stück an die Wand gehängt.
Für mich war die Ausstellung ein Erfolg. Es war ja noch die Zeit wo es nichts zu kaufen gab, auch keine Zeitung. Lediglich die Druckerei Krauß, Wertingen brachte ein Anzeigenblatt heraus. Es war ein Bogen Papier auf dem Wertinger Nachrichten standen. Ich war der erste von allen Geschäftsleuten welcher damals mit der Werbung begann.

Es wurde bekannt, dass die Besatzungsmacht in jedem Landkreis einen Flüchtling eine Unterkunft bauen lässt. Als ich dies erfuhr habe ich auch ein Gesuch bei der Besatzungsmacht bzw. beim Landratsamt eingereicht. Ich habe mich bemüht einen Bauplatz zu finden, dies war aber sehr schwierig. Vom früheren Molkerei-Direktor Herrn Gottfried erhielt ich den viel versprechenden Hinweis bei Herrn Deisenhofer (Antonie-Bauer) um den Verkauf seiner Schuttgrube in Gottmannshofen zu bitten, da ansonsten wohl kein Bauplatz zu bekommen ist. Durch Herrn Deisenhofer erfuhr ich, dass er den Platz wenige Tage vorher bereits Herrn Reipa, einem Flüchtling aus Ostpreußen versprochen hatte, aber eigentlich müsste der Platz für uns beide reichen. Durch Beschluss der Molkerei-Genossenschaft erhielten wir deren Anteil am Grundstück geschenkt und da alle Beteiligten mit der vorgeschlagenen Lösung einverstanden waren, hatte sich die Grundstücksfrage für mich geklärt. Der damalige Gemeinderat Gottmannshofen hat sehr klug gehandelt, denn sie hatten so zwei Handwerker in der Gemeinde, was ihnen nichts gekostet hat.
Einen Papierkrieg wie er heute üblich ist, gab es bei den damaligen Behörden nicht.

Es ging alles einfach über die Bühne, und ich konnte der Besatzungsmacht und dem Landratsamt ein Grundstück nachweisen. Die Entscheidung der vorerwähnten Vergabe fiel auf mich. Ich durfte also ein Haus bauen. Es wurde ein Haus aus Bruchsteinen und Lehm.
Behördlich ging alles unkompliziert und einfach. Anders bei der Handwerkskammer für Schwaben in Augsburg. Obwohl ich in der alten Heimat seit 1926 selbstständig war, die Meisterprüfung abgelegt hatte und Innungsobermeister war, verlangte die Kammer die Wiederholung der Meisterprüfung. Deshalb kam es mit dieser zu Schwierigkeiten und zu einer Auseinandersetzung wobei ich sagte: Ich habe mein gesamtes Vermögen verloren und jetzt will ich wieder arbeiten. Alle Zeugnisse sind vorhanden. Ich brauche meine Handwerkskarte sehr dringend um etwas Gummilösung usw. kaufen zu können und gerade diese wird mir ungerechtigter Weise verweigert.

Es wurde eine äußerst schwere Auseinandersetzung mit dem damaligen Geschäftsführer der Kammer. In meiner Not fand ich Hilfe beim Regierungswirtschaftsamt. Es war damals noch in der Fuggerstraße in Augsburg. An den Namen des Herrn kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich war, als ich dort ankam sehr aufgeregt, über das, was ich bei der Kammer ertragen musste. Der Herr meinte ich möge mich doch beruhigen, er wird für mich etwas tun. Er sprach am Telefon nur einige Worte mit dem Geschäftsführer der Kammer so u. a. Herr Langer ist jetzt bei mir, machen Sie doch bitte seine Handwerkskarte bis Freitag fertig, er wird sie dann abholen kommen. Am besagten Freitag erhielt ich von der Kammer anstandslos gegen Bezahlung von RM 8,50 und ohne Wiederholungsprüfung meine Handwerkskarte.

Es war wirklich ein Leidensweg.
Nun aber konnte ich mit meiner Handwerkskarte einige Tuben Gummilösung und etliche Fahrradteile einkaufen. Vordem musste ich doch die Teile, welche ich zur Reparatur von Fahrrädern benötigte entweder selbst aufarbeiten oder aus anderen, alten Fahrrädern demontieren. Inzwischen war auch mein Ansuchen für den Bau bewilligt und ich wurde in das Landratsamt gerufen. Dort wurde ich gefragt, ob ich auch Geld zum Bauen hätte; ich habe dies bejaht, denn ich glaubte nicht daran, dass mir auch anderenfalls das Glück hold gewesen wäre. Ich habe sofort meinem Bruder das Missgeschick mit dem Geld mitgeteilt. Er kam umgehend zu mir und sagt zu; mir Geld zu leihen. Ein weiterer Bruder von mir lebte in Australien, und hat seinen Schwiegervater in Pinneberg angewiesen mir ebenfalls etwas Geld zu leihen. Auf diese Weise kam ich aus der finanziellen Enge. Dies war alles lange vor der Währungsreform.

Große Pläne und Baubewilligungen waren nicht erforderlich. So begannen wir zu bauen. Da es keinen Zement und Ziegelsteine gab, waren Bruchsteine aus Steingruben und Lehm das Baumaterial. Die Firma Berchtold aus Wertingen verkaufte uns ungebrannte Ziegelsteine. Es mussten aber zwei Flüchtlinge dort arbeiten. Kreisbaumeister Lederer brachte es fertig, dass wir für den Kamin gebrannte Ziegelsteine erhielten, aus Wehrmachtsbeständen bauten wir eine Wasserpumpe für den Brunnen, den wir im Keller gegraben hatten. Holz für den Dachstuhl bekamen wir auf Bezugsschein. Die Zimmerdecken sollten aus Lehmwickel erstellt werden. Tagelang haben wir uns geplagt, aber wir haben es nicht fertig gebracht, dass der Lehm oben blieb. Da wir beim Aushub auf keinen Grund kamen musste das Haus um 90 Grad anders gestellt werden. Während des Bauens hat uns der Regen bei den Lehmsteinen Schaden angerichtet. Es gab keine Nägel, Holz war auch nicht mehr zu bekommen. Da sprang Zimmerermeister Thomas Mayerle wieder ein. Er half mit Holz-Bezugsscheinen aus. Die zehn Flüchtlinge, welche ich organisiert hatte, um beim Bau des Hauses zu helfen, wurden plötzlich abgerufen. Ich stand ohne Arbeitskräfte da, nachdem sie zu einer Textilfirma nach Augsburg verpflichtet wurden.

In meiner Not wand ich mich als Klagender an 12 Behörden. Von der Amerikanischen Besatzungsmacht in Frankfurt/M. bis zum Bürgermeister. Inzwischen konnte ich mir aber andere Flüchtlinge aus meiner Heimat suchen, die mir auch halfen. Als das Haus schon unter Dach und Fach war und wir uns beim Innenputz befanden, kamen zwei Autos aus München, es entstiegen sechs Herren, die aufgrund meiner Eingabe gekommen waren und fragten wie viel Leute ich denn brauche, sie könnten unverzüglich gestellt werden. Ich musste entgegnen, dass wir bereits fertig waren und keine Leute mehr benötigten.
Da es zum Bauen nur Sackkalk gab, kann man sich leicht vorstellen, dass die Qualität des Hauses nicht dem entsprach, wie man es sich gern vorgestellt hätte. Ende Februar 1948 konnten wir einziehen. Geweiht wurde das Haus von Herrn Pfarrer Käßmayer aus Gottmannshofen.

Da ich für Bezugsscheine, welche mir die Kunden brachten, die Ware umgehend liefern konnte, habe ich mir einen guten Namen gemacht. Ich wurde also immer mehr und mehr bekannt. Ich lieferte auf Bezugsschein Fahrräder, Fahrräder mit Hilfsmotoren, ja sogar einige Leichtmotorräder. Durch die Anzeigen im Wertinger Nachrichtenblatt hat sich mein Bekanntheitsgrad noch weiter erhöht. Ich beschäftigte schon zwei Lehrlinge und einen Gesellen. Zum Vergleich: in Troppau waren es 36 als der Betrieb enteignet wurde. Ein weiteres Ziel für mich war, zu einer Drehbank zu kommen. Es gab damals nach dem Krieg eine Erfassungsstelle für öffentl. Gut (Steg), welche die Wehrmachtsbestände verwaltete. Dazu zählten auch Maschinen. Oft habe ich dort nachgesucht, doch jedes Mal ohne Erfolg, bis mich der Weg nach München führte. Ich habe mich dort einige Tage genau informiert, wobei es mir widerfuhr, dass ich von deutschen Stellen wissentlich falsch geleitet wurde. Doch zufällig fand ich im Hof eines Ministeriums eine Holzbaracke, welche von der Besatzungsmacht belegt wurde. Die Stelle nannte sich amerikanischer Maschinennachweis. Ich habe dort vorgesprochen und festgestellt, dass ich an der richtigen Stelle bin. Ich erfuhr auch, dass die BMW ebenfalls Werkzeugmaschinen angefordert hatte.

Ein amerikanischer Offizier, welcher etwas Deutsch sprach, sagte mir zu, zu helfen. Bei dieser Gelegenheit kamen von den Deutschen Behörden ganz dumme Sachen auf. Dies störte mich aber nicht, die Hauptsache war, ich kam zu einer Drehbank und mein Wunsch ging in Erfüllung. Leider musste ich die Drehbank mit dem guten Geld „Deutsche Mark“ bezahlen. Es waren DM 1.925,-. Gottlob wurden mir Ratenzahlungen genehmigt, sodass ich dann im Juni 1948 die Drehbank mein eigen nennen konnte. Nach dem Tag der Währungsreform war fast keine Arbeit in der Werkstatt. Aber wir hatten ja die Drehbank so konnten wir unser Werkzeug selbst anfertigen. Wir bauten verschiedene Geräte, Spezialwerkzeuge, ja sogar einen Schweißapparat selbst. Ein Patent wurde angemeldet.
Zu erwähnen ist noch ein Schreiben welches ich an die Ford Werke Köln richtete und dabei mein Schicksal mitteilte. Die Antwort lautete: „Arbeiten Sie sich aus eigener Kraft wieder empor und wir werden dann prüfen, ob wir mit Ihnen wieder einen Vertrag eingehen.“ Einige Jahre vergingen, da wandte ich mich wieder an das Ford Werk und legte ein Foto von meinem Lehmhaus mit dem Zusatz „Das alles aus meiner eigenen Kraft“ bei.

Da ich in Troppau die Ford und BMW Vertretung hatte, lag doch nichts näher, als mich hier als Vertriebener wieder an meine einstigen Lieferfirmen zu wenden. Die Bayrischen Motorenwerke, die fast völlig zerstört waren, hatten mir Lieferungen für später, wenn sie selbst wieder produzieren in Aussicht gestellt. Bei der BMW waren noch einzelne Herren, die mich von Troppau her – als deren Vertreter in der CSR seit 1926 – noch kannten. Man hatte mich nicht vergessen. Ich habe zunächst im Jahr 12 Motorräder zugewiesen bekommen. Allerdings erfolgte die Lieferung über die für dieses Gebiet zuständige Firma A. Sigg, Augsburg und mir blieben nur 5% an Verdienstspanne. Das war herzlich wenig.

Das Geld welches mir zum Bezahlen des Hauses zur Verfügung stand war nicht ausreichend. Es wurde aber in Wertingen für Flüchtlinge gesammelt und ich wurde für meine Arbeit belohnt. Von dieser Sammlung „Osterei für Flüchtlinge“ 1.500 RM geschenkt. Vorher schon haben einzelne Handwerker von Ihrer Rechnung Abstriche gemacht, wurde doch bekannt, dass ich zuerst in Binswangen wohnte und jeden Tag zu Fuß nach Wertingen marschierte. Ich glaube es war auch viel Mitleid dabei und die Anerkennung meines Fleißes. Wie schon gesagt, die Tageslosungen waren sehr klein und alles ging nur dadurch, da man sehr viele persönliche Opfer aufbrachte. In der ersten Zeit waren die Tageslosungen kaum über RM 5,-.

Mein älterer Sohn sollte Geige spielen lernen. Eine Geige gab es aber nicht. Ich kannte da einen Flüchtling aus meiner Vaterstadt Zwittau. Er war Geigenbauer. Ich habe diesen aufgesucht und er erklärte sich bereit für mich eine Geige zu bauen, wenn ich ihm ein Fahrrad liefere. Schon nach drei Wochen kam er zu mir mit einer Geige, allerdings ohne Bogen und Saiten. Aber ich konnte ihm ja auch nur ein Fahrrad ohne Schlauch und Mantel geben. Nach einem halben Jahr lieferte ich ihm Schlauch und Mantel und er Saiten und Bogen.

Ja, so war das damals.
Wir hatten in unserem Lehmhaus keinen Ofen. Endlich konnte ich einen Bezugsschein dafür bekommen und unsere Wohnung beheizen. Wir hatten darüber alle eine große Freude.

Inzwischen stellte ich auch die Verbindung zu der Nürnberger Fahrradfabrik her. Die Währungsreform war vorbei. Nun gab es Fahrräder bei Triumph, Victoria, Hercules und den Marswerken, aber die Firmen verlangten bares Geld. Da kam ich auf den Gedanken kinderreiche Familien aufzusuchen, die erhielten doch pro Kopf DM 40,-. Ein Fahrrad war damals eine äußerst dringende Sache, denn jeder Familienvater musste ja auch zu Fuß zur Arbeit gehen. Ein Fahrrad hätte ihm das Leben erleichtert. Es kostete zum Verkauf an den Kunden 112,- DM. Man musste also fast drei Kopfgelder verwenden, um zu einem Fahrrad zu kommen. Da kam mir entgegen, dass die Familien bereit waren das Geld zusammen zu legen, wodurch ich zu Bargeld kam und in Nürnberg Fahrräder einkaufen konnte. Ich brachte somit die ersten neuen Fahrräder nach der Währungsreform nach Wertingen. Ähnlich war es mit den Fahrradhilfsmotoren und kleineren Motorrädern, letztere konnte man aber nur vereinzelt verkaufen. Das Geschäft ging nur schleppend.

Weitere Lieferungen bekamen wir von den Bayrischen Motoren Werken. Inzwischen wurde ich als guter Zweiradmechaniker bekannt und immer wieder gern mit Reparaturen beauftragt. Ich verkaufte auch Maico, ab September 1949 Imme und Lohmann’s Fahrradhilfsmotoren, ab 1951 dann Adler Motorräder und mit Beginn 1952 Kreidler Mofa’s. Erweitert werden konnte mein Verkaufsprogramm seit 1953 mit LLOYD Kleinwagen aus Bremen und dem Goggomobil bis 250ccm. Ich verkaufte und reparierte. Meine Frau befasste sich mit der Berufskleidung für Motorradfahrer. Rückschläge gab es mehrmals im Geschäft. Es gab Zeiten wo es schlecht ging. Aber meine Drehbank half mir über diese Zeiten hinweg. In dieser schlechten Zeit habe ich die Dreharbeiten für andere Firmen durchgeführt, u. a. Kurbelwellen für Motorräder instand gesetzt. Da ich mit einem Personenwagen nicht in meine kleine Werkstatt kam, wurde der Plan gefasst einen Anbau an mein Lehmhaus zu errichten und dieser auch verwirklicht.

Jetzt konnte ich unter Dach die Auto’ s reparieren und musste es nicht bei Regen im Freien tun. Der Anbau war für mich goldeswert. Doch bald wurde wieder alles zu klein. Zum Ausstellen von Motor- und Fahrrädern wurde ein Verkaufskiosk an der Straße errichtet, für dessen Baubewilligung ich bis zum Petitionsausschuss nach München musste.
Ich musste unbedingt Arbeitsraum schaffen. Dazu benötigte ich einen Bauplatz, der auch zu dieser Zeit fast nicht zu bekommen war. Die LLYOD Werke lieferten Automobile, die BMW Isetten und die mussten instand gesetzt werden. Also war es sehr dringlich eine Werkstatt zu erstellen. In meiner größten Not hat mir Herr Bihlmeier aus Gottmannshofen geholfen. Er verkaufte mir den Stigelacker, ein Grundstück in der Größe von 1 ¼ Tagwerk. Nach langen Verhandlungen habe ich eine Bausondergenehmigung und die entsprechenden Kredite erhalten. Noch 1957 konnten wir den Rohbau eines neuen Betriebes mit Tankstelle errichten.

An dieser Stelle ist nicht zu vergessen, dass die Gemeinde Gottmannshofen viel zum Erstehen beigetragen hat. Ihr gebührt dafür unser aufrichtiger Dank. Bald wurde ich in der Gemeinde der größte Steuerzahler. Schon 1956 kam es wieder zu einem Vertrag mit den Ford Werken in Köln, zunächst über die Firma Rennig, Augsburg, ab 1959 dann als Ford-Haupthändler.

 

Auslieferung des 1.000ensten Fahrzeuges, 60er Jahre in Wertingen, im Bild Horst Langer
Auslieferung des 1.000ensten Fahrzeuges, 60er Jahre in Wertingen, im Bild Horst Langer

Bereits 1963 wurde der Werkstattbereich wieder zu klein. Es entstand eine Stahlhalle mit 1.500 qm, unterkellert zur Lagerhaltung und für eine moderne Kraftfahrzeugwerkstatt. Unsere beiden Söhne, inzwischen zu Männern herangewachsen, stiegen in das Geschäft ein und unterstützen mich tatkräftig, sodass es flott vorangehen konnte.

1969 wurde der Betrieb Angerhofer in Kaufbeuren gekauft. Die Führung dieses Betriebes, er liegt in guten Händen, übernahm mein älterer Sohn Rudolf. Der Betrieb in Wertingen wird von meinem Sohn Horst mit meiner tatkräftigen Unterstützung geführt. Meine beiden Söhne haben im Jahr 1977 einen neuen Betrieb in Augsburg (Gersthofen) mit meiner Beihilfe erstellt, welcher im Mai 1978 von Staatsminister Anton Jaumann eröffnet wurde. Seither haben alle Betriebe eine erfreuliche Weiterentwicklung genommen. So wurde z.B. dem Wertinger Betrieb eine Lackiererei durch einen Erweiterungsbau modernisiert und neben diesem ein neuer BMW Betrieb errichtet.

Ich bin jetzt 88 Jahre und habe mich vom Geschäft weitgehenst zurückgezogen. Das kann ich aber beruhigt tun, da ich mein Lebenswerk bei meinen Söhnen in besten Händen weiß. Was ich bei meinen Informationsgesprächen immer wieder bestätigt finde. Ich möchte noch bemerken, dass ich das Wort Glück aus meinem Wortschatz gestrichen habe. Nur durch harte Arbeit, Fleiß und Können ist ein Vorwärtskommen möglich."

Rudolf Langer, handschriftliche Notizen 1994.



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